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Ein Stück Schweizer Kulturgut wird abgeschafft

Ein Stück Schweizer Kulturgut wird abgeschafft

Ob wir es wollen oder nicht, die Telefonkabinen in der Schweiz werden verschwinden. Wir widmen den kultigen «Hüüsli» deshalb unsere aktuelle Throwback-Thursday-Ausgabe.

26.10.17 - 14:04 Uhr
Aus dem Leben
Die einsamste Telefonzelle der Schweiz.
SWISSCOM

Ab Januar 2018 muss die Swisscom gesetzlich keine Publifone – also Telefonkabinen – mehr unterhalten. In Anbetracht der mittlerweile äusserst bescheidenen Nutzung derselben wird der Telekommunikationskonzern die Kabinen somit nach und nach abbauen.
Für die Generation, welche mit Handys und Smartphones aufgewachsen ist, sicherlich ein verkraftbarer Verlust. Doch mindestens alle 80er- und 90er-Kinder werden sich mit Wehmut an folgende Erlebnisse mit und in Telefonkabinen erinnern:

Die legendären Telefonbücher

Stundenlang haben wir in den dicken, mit Kippmechanismus an der Wand befestigten Schinken geblättert, um den eigenen Telefonbucheintrag nachzulesen oder – was den grossteil der Zeit beanspruchte – nach lustigen Namen zu suchen.

Die Telefonbuch-Elemente gibts mittlerweile online zu kaufen.
TUTTI.CH

Der Klassiker: Scherzanrufe

Im Namen aller, ja wirklich aller, Jugendlichen aus dieser Zeit möchten wir uns bei all den Damen und Herren Vogler, Ficker, Schwanz, Muschi etc. entschuldigen, bei denen zwischen 1993 und 2000 täglich das Telefon klingelte und lediglich kichernde Kinder am anderen Ende der Leitung zu hören waren. Wir waren Jung und (gar nicht mal mehr so) unschuldig.

Telefonkabine in Saas.
MARCO HARTMANN

Tippen statt blättern

Irgendwann mussten wir die (lustigen) Namen nicht mehr mühsam in Büchern nachschlagen, sondern tippten sie freudig-nervös in die zweifarbigen Touchscreens, welche die Kabinen plötzlich vorwiesen. Dass die Tasten erst gefühlte zwölf Sekunden nach dem Drücken reagierten, störte keineswegs. Man fühlte sich wie ein kleiner Geschäftsmann, der gerade eine unglaublich wichtige Notiz in seinen Laptop tippt.

Das elektronische Gerät in einer Telefonkabine.
SÜDOSTSCHWEIZ

Vergesst Kreditkarten – Taxcards waren das Ding!

Das bunte Plastikgeld fürs Telefonieren gabs mit verschiedensten Motiven. Und wir wollten sie ALLE haben. Wie die Sujets gestaltet waren, seht ihr unter anderem hier:

Kostenlose Unterhaltung

Das Wichtigste gleich zum Anfang: Liebe Kinder, Scherzanrufe bei der Polizei, der Feuerwehr oder beim Notruf sind NICHT okay! Doch früher haben wir uns quer durch die übrige Landschaft der Gratis-Nummern telefoniert: Auskunft, Wetterdienst, die Kunden-Hotline eines grossen internationalen Softdrink-Herstellers, der immer so eine tolle Weihnachtsmusik in der Warteschleife spielte. Ja, diese Telefonspielchen waren die beste Beschäftigung, die man sich an Regentagen vorstellen konnte. «As rägnet... was tüamer? Kumm, miar lüüten nomol däna vu Goggi ah!»
Und wenn Ihr uns jetzt für verrückt haltet – Facebook, Tinder und Co. gab es damals schlicht und einfach noch nicht, liebe Kids - weil es auch noch keine Smartphones gab... Wirklich!

Telefonzelle im Kantonsspital Graubünden.
YANIK BÜRKLI

I got 99 Problems...

Alle, deren Haustelefone über eine Rufnummererkennung verfügten, werden folgende Info eventuell bereits kennen und für alle anderen spielt es ab Januar 2018 eh keine Rolle mehr. Aber jede Rufnummer, die mit der Zahl «99» endete, gehörte zu einer Telefonkabine. Ja, echt jetzt! Also liebe Voglers, Fickers, Schwanz's, Muschis etc.: Ihr hättet Euch unter Umständen viel weniger Gekicher anhören müssen, wenn ihr über a) eine Rufnummererkennung und b) über diese Info verfügt hättet... Sorry!

Alle Telefonkabinen-Rufnummern endeten mit 99.
MARCO HARTMANN

'Fiderhööra, messi!

Ob wir sie (geschäftlich) genutzt haben oder nicht – wir werden unsere guten alten Telefonkabinen auf jeden Fall vermissen und ihnen das eine oder andere Tränen-Emoji in unseren Smartphone-Konversationen widmen...

Telefonkabinen im Churer Grossratsgebäude.
SÜDOSTSCHWEIZ

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