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Tag 4: Die Stille, George und ich

Tag 4: Die Stille, George und ich

Mein selbstauferlegtes Digital-Verbot will ich mit einem literarischen Klassiker überbrücken. Ein Klassiker, der mir vor Augen führt, worauf ich mich in der digitalisierten Welt täglich einlasse.

Gian Andrea
Accola
02.03.18 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Ich habe im Übrigen noch nicht herausgefunden, wie ich mein Buch aufladen soll.
CHRISTINA ACCOLA

Mitzumachen war ein spontaner Entscheid. Okay, ich habe ihn mir knapp eine halbe Minute lang überlegt. Ohne wirklich zu überlegen. Warum, erfahrt Ihr später.

Es ist Halbzeit bei unserer digitalen Entgiftung. Ich habe bisher: Gelernt, die Stille zu geniessen, länger und besser geschlafen als sonst, einen Kuchen gebacken, mehr Sport gemacht, die Musik beim Autofahren schmerzlichst vermisst und vor allem gelesen. Ich nahm mir unseren digitalen Ausstieg zum Anlass, wieder einmal ein Buch in die Hand zu nehmen.

Die Freude am Lesen verdorben

Es ist nicht so, dass ich nicht gerne lese. Sondern eher so, dass mir die Freude daran verdorben wurde. Jeder und jede, der/die sich bereits einmal auf eine mündliche Maturitätsprüfung vorbereiten durfte, weiss, was ich meine.

Weil ich mir am Gymnasium den Gefallen gemacht hatte, ein Sprachenfach als Schwerpunkt zu wählen, traf wenige Wochen vor den mündlichen Abschlussprüfungen eine gefühlte Europalette voll von Literaturklassikern in drei Sprachen bei mir ein. Goethes «Faust», Hesses «Steppenwolf», Balzac, Sartre, Lessing, Dürrenmatt, Frisch...

Insgesamt waren es rund 25 Bücher, die ich mir innert sechs Wochen in den Schädel reinprügeln durfte. Willkommen in Huxleys schöner neuen Welt – in englischer Originalfassung.

Der perfekte Zeitpunkt

Seither (also in den vergangenen zehn Jahren) habe ich mir literarische Werke genehmigt, deren kumulierte Anzahl ich an einer Hand abzählen kann. Aber ein Buch wollte ich mir schon lange unbedingt zu Gemüte führen: George Orwells Klassiker «1984».

Das Buch steht seit geraumer Zeit in meinem Regal. Als ich mir am Montagmorgen 30 Sekunden lang überlegt hatte, beim digitalen Detox mitzumachen, dachte ich – wie gesagt – nicht wirklich darüber nach, mitzumachen. Mir kam nur ein Gedanke: Das ist der perfekte Zeitpunkt.

Unsere «grossen Brüder»

Nicht nur, weil der Buchtitel quasi den Ausbruch aus dem digitalen Zeitalter symbolisiert. Den Ausbruch in eine Zeit, zu der man für Mobiltelefone noch einen Waffenschein benötigte. Nein, vielmehr – und das erfuhr ich gleich auf den ersten Seiten des Buches –, weil sich der Inhalt auf unseren einwöchigen Feldversuch übertragen lässt. «Big Brother is watching you

Unsere «grossen Brüder» im Jahr 2018 stellen in Billiglohnländern überteuerte Telefone her, die alles können. Sie ermöglichen internationale Vernetzung in den sozialen Medien. Sie halten uns auf dem Laufenden. Sie machen auf einer Baustelle gar die Wasserwage, auf See den Kompass überflüssig. So man das denn möchte.

Unter anderem können sie aber auch all unsere Schritte verfolgen. Sie dokumentieren unser Verhalten. Kennen unsere Interessen, unsere Schwächen. Sie wissen gar Dinge, die wir den wichtigsten Menschen in unserem Leben nicht über uns erzählen würden. Sie liefern intimste Details in Form von Daten. Daten, zu denen App-Hersteller Datenbanken erstellen, deren Inhalte sie schliesslich zu Werbezwecken nutzen. Oder schlimmer: die sie an die Meistbietenden verschachern. Die Währung der Zukunft heisst nicht Bitcoin. Sie heisst Information.

Wie ein Ausserirdischer

Orwell zeichnete seine Dystopie im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, veröffentlichte sie 1949. Er legte sie in eine Zeit, von der er nichts wissen konnte, 35 Jahre später. Als bekennender Kritiker von totalitären Systemen musste er sich zur Zeit der sozialistischen und nationalsozialistischen Regime gefühlt haben wie ein Ausserirdischer. Darum beneide ich ihn nicht. Und dennoch frage ich mich: Hat sich seit dem Zerfall der totalitären Systeme denn tatsächlich so vieles verändert?

Werden wir nicht vielmehr weiterhin kontrolliert? Von denjenigen, denen wir – um den österreichischen Schauspieler Walter Slezak zu paraphrasieren – das Geld, das wir nicht haben, für Dinge in die Hand legen, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen? Und um beim Beispiel Smartphone zu bleiben: Wie konnte es passieren, dass es uns so schwerfällt, uns eine gewisse Zeit von den blinkenden, tönenden und vibrierenden Geräten zu lösen?

Man gewöhnt sich an alles

Geräte, die uns mehrere Dutzend Male am Tag zu sich rufen. Mit Benachrichtigungen, die uns nichts weiter bringen, als – rein physiologisch – die Dopaminrezeptoren im Nucleus accumbens, unserem Belohnungszentrum im Gehirn, mit Reizen zu stimulieren. Die gleichen Rezeptoren übrigens, an denen die Wirkstoffe vieler Drogen andocken. Und sie kriegen davon einfach nicht genug.

Biopsychologisch kann man also durchaus von einem Suchtverhalten sprechen. Und tatsächlich: Meine Erfahrung der vergangenen Tage zeigt, das Handy fehlt. Am ersten Tag ohne Handy, verspürte ich mindestens einmal pro Stunde den inneren Drang, danach zu greifen.

Dann realisierte ich: Es ist im Büro eingeschlossen. Eine Stunde später dasselbe. Und nochmals. Mein Magen zog sich jedes Mal, beinahe schreckhaft, zusammen. Dann wieder Stille. Nicht enden wollende Stille. Am Mittwoch hatte ich Frühdienst. Kurz vor Feierabend am Mittag ertappte ich mich beim Blick auf die Uhr mit dem Gedanken: «Oh Mann, nur noch eine Stunde mit dem Handy heute». Dopaminspiegel im Keller. Aber man gewöhnt sich ja an alles. Auch an den selbstauferlegten Digital-Entzug. Hoffentlich.

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