×

Des einen Müll ist des anderen Schatz

Des einen Müll ist des anderen Schatz

Dunkel, schmuddelig und alte, defekte Gegenstände: Brockenhäusern haften viele Klischees an. Ein Blick in das Innenleben der BrockiGrischun in Chur zeigt, dass zunindest sie diese abgeschüttelt und dafür viele Geschichten gesammelt hat.

Corinne
Raguth Tscharner
15.09.19 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben

Es ist einer der ersten kühlen Herbsttage im Jahr. Nur wenige Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolken und leuchten vereinzelt auf den langen, massiven Holztisch, der an der Fensterfront des oberen Stockes der BrockiGrischun in Chur steht. «Das ist aktuell mein Lieblingsstück», sagt der Betriebsleiter des Brockenhauses, Tobias Häberli. «Er gefällt mir einfach sehr gut und ich wüsste schon genau, wo ich ihn bei mir in der Wohnung hinstellen würde.»

Seit fast zehn Jahren arbeitet Häberli für das Brockenhaus und hat in dieser Zeit tatsächlich schon viele Stücke von seinem Arbeitsplatz mit nach Hause gezügelt. «Wenn man in einem Brockenhaus arbeitet, darf man definitiv kein Sammler sein. Täglich sieht man etwas, das man gerne mitnehmen würde», fügt er mit einem Lächeln auf den Lippen an. Auch sonst erzählt er mit Freude und Elan von seiner Arbeit. Und dennoch: «Es ist ein täglicher Kampf. Ständig Ordnung und Sauberkeit zu halten, ist bei dieser Grösse eine Herausforderung», sagt er, während er durch die grosszügige Ladenfläche der zweistöckigen Brocki streift, in der sich tausende Gegenstände tummeln, die Bündner nicht mehr in ihren eigenen vier Wänden haben wollten.

Die Ansprüche steigen

Ordnung, Sauberkeit, Funktionstüchtigkeit, Helligkeit, freundliche Atmosphäre und eine grosszügige Verkaufsfläche sind laut Häberli für ein Brockenhaus heute massgebend. Die Zeiten, zu denen sie nur alte verstaubte Möbel in einem dunklen Keller angeboten hätten, seien vorbei. Er stellt auch fest, dass die Qualitätsansprüche der Kunden in den letzten Jahren stark gestiegen sind. «Eigentlich wollen sie neue Ware zum Second-Hand-Preis.»

Kein Schmuddel, sondern hell und freundlich: Die BrockiGrischun. CORINNE RAGUTH TSCHARNER

Häberlis Lieblingsstück, der massive Holztisch, ist auf dem selben Weg in das Brockenhaus gekommen, wie viele der anderen Verkaufsstücke: Er stammt aus einer Wohnungsräumung. Durchschnittlich rund zweimal in der Woche steht eine solche für die Mitarbeiter der BrockiGrischun an. Eine Arbeit, die viel Erfahrung und ein gutes Auge braucht. Und auch mal ganz schön emotional werden kann, immerhin beurteilen die Mitarbeiter einen Teil des Lebens eines Menschen und packen diesen Teil gegebenenfalls ein und nehmen ihn mit. «Da muss man sehr feinfühlig sein», sagt Häberli.

Ungewollte Schnäppchen

Jeden Gegenstand holen die Brocki-Mitarbeiter bei Räumungen nicht ab. In die Jahre gekommene, dunkle Möbel zum Beispiel. Oder Lebewesen. «Es gab tatsächlich schon Leute, die uns Tiere mitgeben wollten», so Häberli.

Welche Zahl später auf dem Preisschild eines abgeholten Stückes landet, bestimmen die Mitarbeiter der Brocki selbst. «Jeder hat sein Spezialgebiet und wir ziehen auch mal externe Experten hinzu. Bei Bildern zum Beispiel.» Natürlich komme es auch mal vor, dass man einen Gegenstand zu günstig verkaufe. «Das reut mich dann schon ein bisschen», sagt Häberli, winkt im selben Atemzug ab und sieht das Gute an der Sache, «Aber wenn die Leute mal ein Schnäppchen machen, dann kommen sie wieder.»

Qualität darf nicht teuer sein

Der massive Tisch, den Häberli ins Herz geschlossen hat, ist nur eines von vielen Möbeln, die in der Brocki zum Verkauf stehen. Sie machen rund die Hälfte der Verkaufsobjekte aus. Die andere Hälfte besteht aus kleineren Alltagsgegenständen wie Geschirr, Elektro- oder Dekorationsartikeln. Mit ihnen macht die Brocki den grössten Umsatz. Auch das sei etwas, dass sich in den letzten Jahren verändert habe. «Früher konnte man einen Teppich für 600 Franken verkaufen. Heute sind es noch 100 Franken.»

«Da macht uns das alte Image einen Strich durch die Rechnung.»

Ein Beispiel für diese Entwicklung ist das dunkle, aber moderne Sofa, das nicht unweit des Holztisches steht. Neu kostet es rund 12'000 Franken. Da es fast unbenutzt und so gut wie neu in der Brocki gelandet ist, wollte es Häberli zuerst für die Hälfte verkaufen, rund 6000 Franken. Ein Betrag, der für viele Brocki-Besucher zu hoch war, denn sie wurde zum Ladenhüter. «Mittlerweile ist sie noch mit 3900 Franken angeschrieben», sagt Häberli und es ist ihm anzusehen, dass ihn solche Tiefpreise schmerzen. «Da macht uns das alte Image – günstige Ware, Qualität ist nebensächlich – einen Strich durch die Rechnung. Dabei ist die Qualität bei der Couch wirklich gegeben.»

Seit fast vier Jahren steht das dunkle Sofa mittlerweile in der Brocki Grischun. CORINNE RAGUTH TSCHARNER

Der grosse Tisch ist zwar aktuell Häberlis liebstes Verkaufsobjekt, in seiner Berufslaufbahn sind ihm jedoch schon so einige spezielle Dinge in die Hände gekommen. «Einmal haben wir eine Trophäe erhalten: Es war ein ausgestopfter Elefantenfuss. Das sieht man nicht alle Tage», erzählt der Betriebsleiter.

Neben den vielen spannenden Aspekten, erlebt Häberli nicht nur Positives in der Brocki: Es werde übermässig viel geklaut. Den Grund dafür kann Häberli nicht genau festmachen. Vielleicht sei es die Tatsache, dass die Verkaufsartikel nicht elektronisch geschützt seien, meint er. «Auf alle Fälle schmerzt das. Der Gewinn der Brocki geht ja an Menschen, die das Geld viel mehr brauchen können als wir alle. So werden eigentlich diese beklaut und nicht wir.» Um das Problem in den Griff zu bekommen, ist die Brocki mittlerweile mit Überwachungskameras ausgerüstet, die auch tatsächlich Wirkung zeigen. Aber sowieso: Dass das Lieblingsobjekt des Betriebsleiters als Diebesgut endet, kann wohl ausgeschlossen werden.

Die BrockiGrischun ist ein Non-Profit-Unternehmen und einer von fünf Betrieben des Vereins Brocki Grischun. Er betreibt zwei Brockenhäuser in Chur und Ilanz, die geschützte Werkstätte EcoGrischun, die Sozialfirma ReproGrischun, die Velowerkstatt BikeGrischun und mehrere Eingliederungsmassnahmen. Insgesamt sind 100 Personen mit und ohne Handicap beim Verein angestellt – in der Brocki in Chur sind insgesamt 1000 Stellenprozent besetzt.

Der Gewinn des Brockenhauses in Chur fliesst in die anderen Betriebe des Vereins  Ein weiterer Teil geht an die Stiftung BrockiGrischun, die Rehabilitationsmassnahmen an notleidenden Menschen im Kanton Graubünden sowie Hilfsaktionen und Selbsthilfeprojekte im In- und Ausland finanziert.

Kommentieren

Kommentar senden

SO-Reporter

Euer Foto auf unserem Portal

Habt Ihr etwas gesehen oder gehört? Als Leserreporter könnt Ihr uns Bilder, Videos oder Inputs ganz einfach per WhatsApp an die Nummer 079 431 96 03 senden.

Kontakt hinzufügen WhatsApp Nachricht senden