×

«Ein Monat ist verkraftbar, ab zwei Monaten wird es existenziell»

«Ein Monat ist verkraftbar, ab zwei Monaten wird es existenziell»

Der Präsident des Glarner Baumeisterverbandes erklärt, wie die Baubranche mit der aussergewöhnlichen Situation zurechtkommt und wie auf den Baustellen dafür improvisiert werden muss.

Sebastian
Dürst
04.04.20 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Einigkeit ist gefordert: Hannes Schiesser fordert von allen Beteiligten, dass sie mithelfen.
ARCHIV/SASI SUBRAMANIAM

Herr Schiesser, was tun die Glarner Bauunternehmer, um ihre Mitarbeiter zu schützen?

Hannes Schiesser: Ich will vorwegnehmen, dass wir die Bundesrats-Entscheide ernst nehmen und natürlich unterstützen. Was der Baumeisterverband macht: Wir leiten die Vorgaben und Informationen sofort an unsere Mitglieder weiter. Die Gesundheit unserer Mitarbeiter hat erste Priorität – das hat sie aber übrigens auch sonst.

Reicht es, einfach Informationen weiterzuleiten? Die Gewerkschaften werfen Ihnen vor, zu wenig zu tun.

Wir machen nicht zu wenig, sondern das, was es braucht. Jeder Bauunternehmer gibt sich Mühe, in Zusammenarbeit möglichst gute Lösungen zu finden. In so einer Situation müssen alle Beteiligten mithelfen, damit es funktionieren kann: die Bauunternehmer, die Mitarbeiter, der Staat, die Gewerkschaften. Ich bekunde Mühe, wenn die Gewerkschaft Unia Stimmung für Baustellenschliessungen macht.

«Zum Glück waren die Auftragsbücher Anfang Jahr gut gefüllt.»

Aber Schliessungen ergeben Sinn, wenn die Gesundheit der Mitarbeiter nicht garantiert werden kann, oder?

Natürlich muss jede Baustelle für sich betrachtet werden. Ich denke, dass praktisch überall eine Lösung gefunden werden kann, wenn alle am gleichen Strang ziehen. Man muss bedenken: Wenn wir die Baustellen schliessen, gibt das riesige Probleme für die Wirtschaft.

Sie sprechen die wirtschaftlichen Folgen an: Wie sieht die Situation für die Glarner Baugeschäfte im Moment aus?

Die Ausgangslage war zum Glück gut: Anfang Jahr waren die Auftragsbücher gut gefüllt. Das heisst, dass wir jetzt während dem Lockdown die Aufträge abarbeiten können. Für die Zeit danach ist die Lage aber schlecht: Seit die ausserordentliche Situation angefangen hat, gibt es praktisch keine neuen Aufträge mehr.

Was heisst das konkret?

Wenn der Lockdown einen Monat geht, kann das die Glarner Baubranche verkraften, weil sie vorher eine starke Auftragslage hatte. Geht der Lockdown aber zwei Monate oder mehr, wird es Entlassungen geben. Es werden bestimmt nicht alle Firmen überleben. Es hängt alles davon ab, wie lange die Situation andauert.

Wie ist die Lage auf den Glarner Baustellen?

Soweit ich das beurteilen kann, läuft es gut. Es wurden keine Baustellen geschlossen, und die Kontrolle durch die Suva hat wenig Anpassungsbedarf ergeben. Ich denke, die grösste Aufgabe ist es, alle Mitarbeiter auf ihre Selbstverantwortung hinzuweisen. Alle Massnahmen bringen nichts, wenn nicht jeder einzelne den Sinn dahinter sieht und entsprechend handelt. Auch die Chefs stehen in der Verantwortung, eine gewisse erzieherische Funktion zu übernehmen, die darüber hinausgeht, nur die Minimalregeln auf der Baustelle umzusetzen. Das ist auch in ihrem eigenen Interesse: Es hilft niemandem, wenn eine Baustelle geschlossen werden muss, weil sich ein Mitarbeiter an einem Familienfest übers Wochenende angesteckt hat.

Die Schutzmassnahmen auf den Baustellen betreffen Abstand halten und die Bereitstellung von Toiletten und Handwaschstationen. Was für praktische Probleme haben sich bei der Umsetzung ergeben?

Wenig überraschend sind auch für die Glarner Bauunternehmer Papiertücher und Desinfektionsmittel nicht mehr so einfach zu besorgen. Wir sind wie ein grosser Teil der Bevölkerung davon abhängig, dass niemand diese Materialien übermässig einkauft. Ein anderes Problem war das Wasser für die Handwaschstationen: Nicht überall gibt es fliessendes Wasser. Wir konnten uns mit Kanistern und Ähnlichem überall behelfsmässig einrichten.

«Mir fällt auf, dass die Zahlungs moral praktisch mit dem Beginn der Krise massiv abgenommen hat.»

Die Glarner Baufirmen sind in der ganzen Schweiz tätig. Merken Sie bei den Schutzmassnahmen Unterschiede je nach Kanton?

Nein, die sind in allen Kantonen dieselben. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die Suva den Lead übernommen hat, die Umsetzung der Schutzmassnahmen zu überprüfen. Es wurde schnell klar, dass nicht jede Baustelle in der Schweiz sofort vor Ort überprüft werden konnte. Deshalb mussten wir von jeder einzelnen Baustelle Bilder einschicken. Anders sieht es im Tessin aus. Hier hatte unsere Firma eine Baustelle, die jetzt geschlossen ist.

Sie sagen, dass neue Aufträge praktisch nicht mehr eintreffen. Gibt es weitere Veränderungen, die sie im Hintergrund beobachten können?

Mir fällt auf, dass die Zahlungsmoral praktisch mit dem Beginn der Krise massiv abgenommen hat. Das kann für kleine Handwerkerbetriebe verheerend sein: Wenn man nicht die nötige Liquidität hat, wird diese Krise schnell existenziell. Ich hoffe, dass sich dieser Trend nicht fortsetzt. Natürlich merken wir, dass wir unsere Aufträge nicht mehr gleich schnell abarbeiten können. Hier stossen wir aber auf viel Verständnis von den Bauherren. Sie verstehen, dass man in so einer Situation andere Aspekte höher gewichten muss.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement des Kantons Glarus aus Sicht der Baubranche?

Da habe ich gar nichts zu bemängeln. Wir haben eine sehr gute Zusammenarbeit und immer offene Türen, wenn ein Problem ansteht. Allerdings muss man ergänzen, dass die Baubranche im Moment nicht jene Branche ist, welche am meisten zu leiden hat.

Zur Person
Hannes Schiesser ist Präsident des Glarner Baumeisterverbandes und Mitglied des Zentralvorstandes des Schweizerischen Baumeisterverbandes. Er ist in der Geschäftsleitung der Bauunternehmung Linth STZ AG in Schwanden.

Kommentieren

Kommentar senden