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Zoom-Meetings statt 1:1-Gespräche

Zoom-Meetings statt 1:1-Gespräche

René
Weber
27.05.21 - 04:30 Uhr
Grossanlässe sind aktuell nicht möglich. Dies ist auch für Journalisten ärgerlich.
SYMBOLBILD PIXABAY

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

René Weber* über seine Arbeit als (verhinderter) Fussball-Berichterstatter.

Tage, Wochen, ja Monate hat uns das Coronavirus im Griff. Der Sport geht an Krücken. Er leidet. Allmählich ist ein Ende zwar in Sicht. Das ist für viele Athleten, für Vereine, für Verbände und für Veranstalter aber nur ein schwacher Trost. Eine wirkliche Planungssicherheit fehlt ihnen trotz der jüngsten Lockerungen weiterhin. Genauso kämpfen wir auf der Sportredaktion unter den Folgen der Pandemie. Eine vernünftige Organisation und Arbeitsaufteilung ist kaum möglich. Findet ein Anlass statt? Darf man dabei sein? Kommt man an die Athleten ran? Fragen über Fragen. Einmal geht es, einmal nicht. Die Rückkehr zum normalen Alltag ist weit weg, und doch spürbar. Das fühlt sich gut an. Nach Aufbruch. Nach Lebenslust. Nach Freude. Nach Zukunft. Nach geregelter Arbeit.

Am Mittwoch ist das Schweizer Fussball-Nationalteam in Bad Ragaz eingetroffen. Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Yann Sommer logieren und trainieren bis zur Abreise an die EM-Endrunde an einer der bestmöglichen Adressen in unserem Land. Unterkunft und Fussballplätze sind konkret gemeint, um Missverständnisse auszuschliessen. Bis vor einem Jahr wären das auch für mich Freudentage gewesen. Die Nationalmannschaft vor der Haustür, besser – und vor allem einfacher – hätte es nicht sein können. Nun ist alles anders. Nicht, dass ich Nationaltrainer Vladimir Petkovic und seinem Team den luxuriösen Aufenthalt im Rheintal missgönne. Nein, ich wünsche ihnen eine perfekte und vor allem unfallfreie Vorbereitungszeit. Mein persönlicher Wermutstropfen ist, dass ich davon ausgeschlossen bin. Medientermine, sprich Interviews mit den Stars unserer Fussballszene, sind wegen der Pandemie keine möglich.

Statt physische Treffen sind in Bad Ragaz täglich Videokonferenzen angesetzt. Ich kann mich aus dem Medienhaus in Chur oder dem Homeoffice in Untervaz per Zoom mit Haris Seferovic über dessen Gemütslage unterhalten. Oder ich kann mich bei Dan Ndoye erkundigen, wie es sich anfühlt, erstmals Teil des Nationalteams zu sein. Dies immer zusammen mit Journalistenkollegen in Bern, Zürich, Genf und Lugano, die wie ich mit sicherem Corona-Abstand vom EM-Countdown berichten. Dass das keinen Spass macht, ist klar. Zoom-Meetings statt 1:1-Gespräch vor Ort, das ist keine Alternative zur journalistischen Arbeit, wie wir sie vor Corona hatten. Im Moment ist das aber mein Alltag. Apropos: Den Arbeitskollegen, die über die Eishockey-WM in Lettland berichten, geht es nicht besser. Auch in Riga dürfen die Nationalspieler die sogenannte WM-Bubble nicht verlassen. Interviews sind nur per Telefon oder Videokonferenz möglich. Darum, das versteht sich von selbst, berichten in diesem Jahr viel weniger Journalisten vor Ort über die Gross­anlässe. Wir machen keine Ausnahme. Leider.

Mich darüber aufzuregen, habe ich aufgegeben. Das habe ich gelernt. Ich nehme nach den letzten kräfteraubenden Monaten nicht mehr alles so wichtig und auch etwas gelassener. Auch wenn dies leichter geschrieben als getan ist. Mein Motto lautet: Es lebe die Zukunft. Alles wird besser werden. Das jedenfalls ist meine Hoffnung. Darum werde ich mir bald die zweite Impfung verpassen lassen. Damit die Rückkehr ins normale Leben nicht doch plötzlich wieder in weite Ferne rückt. Und vielleicht kann ich ja dann auch wieder in Stadien gehen und an Trainingslagern teilnehmen, so wie noch vor einem Jahr. Schön wäre es. Das wünsche ich mir. Nicht mehr, nicht weniger.

René Weber ist Leiter Sport Zeitung

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