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Eine elektrisierte Erfahrung

Eine elektrisierte Erfahrung

19.08.21 - 04:30 Uhr
SYMBOLBILD/UNSPLASH

Im Blog «Anpfiff» berichten Journalistinnen und Journalisten jede zweite Woche aus der Südostschweiz-Sportredaktion.

Kürzlich sass ich zum ersten Mal auf einem Elektrobike. Eigentlich bin ich totale E-Bike-Gegnerin. Für gewisse, nicht (mehr) ganz so rüstige Bevölkerungsgruppen mag ein Velo mit einer sanften Unterstützung den Berg hoch vielleicht wert- oder sinnvoll sein, aber dass sich heutzutage einfach jeder und jede – auch wenn noch so jung, fit und vital – einen elektrisch unterstützten Drahtesel zutut, nur weil es im Trend und vermeintlich umweltfreundlich ist, versteh ich nicht.

Doch wie gesagt, vor Kurzem habe ich mich dem unsympathischen Boom auch hingegeben und meine erste E-Bike-Tour gemacht. Man sollte ja wissen, wovon man spricht. Dank der Gewissheit, dass man die Unterstützung bei einem Elektrovelo ja auch einfach ausgeschaltet lassen kann, gab ich dem Ganzen eine Chance. Bei der Ausleihe realisierte ich dann, wie schwer so ein Velo mit integriertem Akku eigentlich ist. Ok, vielleicht schalte ich auch mal in die erste Stufe. Aber weiter als «Eco» (geringe Unterstützung) geh ich dann also sicher nicht, so schwor ich mir.

Voller Tatendrang und aus eigener Muskelkraft trampelte ich los. Doch als ich schon nach wenigen Minuten meiner doch etwas sportlicheren Begleitung auf dem Rennvelo nur noch hinterherkeuchte, erlaubte ich es meinem linken Daumen dann doch einmal, vorsichtig die Taste mit dem Plus zu drücken. Der darauffolgende Zusatzschub beflügelte – nicht nur mein Bike, das jetzt wie von selbst wieder zur Spitze des Feldes aufschloss, sondern auch meine Motivation, in der Folge den gesamten Funktionsbereich dieses Gefährts mal durchzutesten. Irgendwie entpuppte sich das Ganze als doch noch recht lustig: Je nach Topografie, Wegbeschaffenheit oder aktueller physischer Verfassung kannst du dir ganz einfach etwas mehr oder weniger Unterstützung gewähren. Und das beste: Du kannst schneller sein als andere.

Ich war schon immer ein Wettkampftyp. Wenn ich mit anderen Fussgängern an einer Ampel stehe, will ich immer als Erste reagieren, wenns Grün wird, und am schnellsten loslaufen. Oder wenn am Bahnhof mein Zug einfährt, will ich mich auf dem Perron besser positionieren als die anderen, sodass ich als Erste in den Wagen steigen kann. Auch bei «gemütlichen» Joggings messe ich mich gerne mit Fremden und lanciere für mich Wettkämpfe: Ich versuche, schneller die Steigung hochzulaufen, längere Schritte zu machen oder weniger laut zu atmen als diejenigen, die mir gerade begegnen. Das «E» vor dem Bike verhalf mir dazu, auch auf meiner kürzlichen Radtour den einen oder anderen spontanen Wettkampf für mich zu entscheiden. Das Hochgefühl ist grossartig, wenn du ganz ohne Anstrengung und mit einem entspannten Lächeln im Gesicht an deinen Gegnern vorbeidüsen kannst.

Das schlechte Gewissen in meinem Kopf blieb – und wuchs mit jedem Klick aufs Plus. Eigentlich trickse ich mich aus: Kaum komme ich nur mal knapp an den Rande meiner Komfortzone – klick. Und bist du in einer Steigung mal im Turbo-Modus, dann schaltest du mit Sicherheit nicht mehr runter, denn du würdest gefühlt kein bisschen mehr vom Fleck kommen.

Es war zwar eine amüsante Erfahrung, doch richtig geniessen konnte ich die Tour nicht. Ich bleibe in Zukunft definitiv meinem «richtigen» Velo treu. Und spontane Wettkämpfe zu gewinnen, indem man selbst in die Pedale tritt, anstatt sich von einer Maschine anschieben zu lassen, ist sowieso viel schöner.

*Véronique Ruppenthal ist Sportredaktorin bei TV Südostschweiz

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