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Tag 1: 42 Phalli zum Zmorga

Tag 1: 42 Phalli zum Zmorga

Unsere Onliner Gian Andrea Accola und Claudio Candinas verzichten 7 Tage lang in ihrer Freizeit auf Smartphone, Computer, TV und Co. Ein Erfahrungsbericht.

27.02.18 - 11:00 Uhr
Ereignisse
BILDMONTAGE SUEDOSTSCHWEIZ.CH

Hurra, ich lebe noch!

Nun gut, wäre ja auch ein ziemliches Armutszeugnis, wenn ein erwachsener Mann durchdrehen würde, nur weil er einen Abend (genauer von Montag, 19 Uhr bis Dienstag 8.30 Uhr) ohne Smartphone, Computer, TV und Stereoanlage zu verbringen hat. Doch beginnen wir von vorn: Gestern, Montag, diskutierten wir an der morgendlichen Teamsitzung über das Umfrageergebnis unserer «Frage des Tages», welches zutage brachte, dass der Grossteil unserer geschätzten Leserinnen und Leser der Meinung sind, dass Smartphones unser Leben negativ beeinträchtigen. Kurzerhand haben wir uns deshalb entschlossen, den Selbstversuch zu wagen und eine Woche lang (wenigstens in der Freizeit) auf jegliche technischen Gerätschaften zur Informationsbeschaffung zu verzichten. Also mit wir sind unser Volontär Gian Andrea Accola und meine Wenigkeit gemeint.

Eine Information gleich vorweg: Der heutige Erlebnisbericht fällt etwas länger aus, gewöhnt Euch aber nicht daran.

Worauf habe ich mich da bloss eingelassen!? 

Um zirka 19 Uhr war es soweit: Ich schaltete mein iPhone aus, klappte meinen Laptop zu und schloss beide Geräte in den Ausziehschrank meines Arbeitstisches. Den Schlüssel nahm mein werter Kollege Mario Engi an sich – schliesslich soll während des Experimentes auch alles mit rechten Dingen zu und her gehen.

Dann begab ich mich zum ersten Mal seit gefühlten fünf Jahren ohne Musik oder Podcast in den Ohren auf den Heimweg. Beeindruckend, diese Stille, die lediglich durch das Rauschen des Windes und der angrenzenden Autobahn durchbrochen wird. Kurz gesagt: Mein Heimweg war schrecklich! Wenn ich etwas im Leben nicht missen kann, dann ist es wirklich Musik. «Worauf habe ich mich da bloss eingelassen!?», murmelte ich in meinen mässig dichten Schnurrbart, welcher durch die stark abgekühlte Atemluft langsam aber sicher zu gefrieren schien. Würde ich es unter diesen schrecklichen – wirklich schrecklichen – Umständen überhaupt nach Hause schaffen? Natürlich!

 

Nichts für nachdenkliche Personen

An dieser Stelle möchte ich allen Menschen, die gerade mit Liebeskummer, Selbstzweifeln oder ähnlichen Hürden zu kämpfen haben, Folgendes raten: LASST DIE FINGER VON SOLCHEN VERSUCHEN. Denn ja, man hat wirklich sehr, sehr viel Zeit für sich selbst und somit auch genügend Möglichkeiten, irgendwelchen wirren Gedanken zu verfallen. Und an diejenigen, die beim Durchlesen dieser Zeilen nun in schallendes Gelächter verfallen: Versucht es selbst, ihr werdet mich nach spätestens zwei Stunden verstehen. Ich für meinen Teil konnte den ersten Abend jedoch wirklich sinnvoll nutzen, indem ich vorbildlich meine Hausaufgaben für meine Weiterbildung erledigen und nebenbei noch ein 124-seitiges Buch komplett durchzulesen vermochte. Ein gutes Gefühl!

Und dann kam er, der Moment, in dem ich ins Bett lag und zum ersten Mal bemerkte, dass etwas fehlt. Für gewöhnlich lege ich mich hin und sichte nochmal unsere Website sowie sämtliche geschäftlichen und privaten Social-Media-Kanäle, setze noch zu bearbeitende E-Mails auf den Status «ungelesen» und werfe einen kurzen Blick in die Wetter-App, damit ich weiss, was mich morgen früh beim Zimmer-Lüften erwartet. Gott, bin ich ein Gewohnheitstier... Nun denn, gehts halt ohne diese Routine ans Schlafen.

Meine Nacht war äusserst erholsam – bis auf einen Albtraum, der mich um zirka 2 Uhr Nachts jäh aus dem Schlaf riss. Ich hatte geträumt, dass einer meiner alten Chefs mich irgendwo im Nirgendwo mit seinem Auto angefahren hätte. Nach einem Augenblick der Verwirrung holte mich die Realität aber wieder ein, indem ich mir in Erinnerung rief, dass besagter Chef kaum irgendwo mit seinem Auto in der Gegend rumfahren würde, da er sich im Leben eher darauf konzentriert, so vielen Menschen wie möglich aus dem Weg zu gehen, die ihm unangenehme Fragen stellen und damit seine Inkompetenz auffliegen lassen würden. Ich hatte also «an fertiga Butzibau» geträumt, um es mit Thomas Domenig seniors Worten auszudrücken. Ein, zwei tiefe Atemzüge und ein halbes Glas Wasser später legte ich mich also wieder beruhigt ins Bett und schlief bis 7 Uhr durch.

 

42 sagenhafte SMS

Meine Morgenroutine behalte ich vorläufig noch für mich – ein bisschen Privatsphäre darf schliesslich sein, oder?

Jedenfalls kam ich heute, Dienstag, um 8.30 im Büro an, um mein Smartphone und meinen Laptop wieder in Empfang zu nehmen – doch erst mal eine Tasse Kaffee vom Automaten besorgen. Kaffee auf dem Tisch, Smartphone in der Hand und jetzt mal einschalten und sehen was passiert. Mein Smartphone-Bildschirm begrüsste mich mit einer WhatsApp-Nachricht, 12 E-Mails, zwei Facebook-Messages und 42 SMS. Halt, 42 (!) SMS? Wer zur Hölle kommuniziert heute noch auf diesem vorsintflutlichen Kanal? Und vor allem in dieser Menge? Ein Finger-Tippen auf das SMS-Symbol und ich hatte die Antwort. Ein wirklich herzensguter Mensch hat es sich wohl zur Aufgabe gemacht, mir den ersten «Morgen danach» unvergesslich zu gestalten. Jo Fäba, das hesch definitiv gschafft!

So, und jetzt geniesse ich meinen (freien) Tag mit digitalem Anschluss an die Welt, bevor ich die Geräte heute Abend wieder feinsäuberlich im Schrank verstaue.

Claudio Candinas' Smartphone-Bildschirm an Tag 1.
SCREENSHOTS CLAUDIO CANDINAS

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