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50 Shades of «Hey nai!»

50 Shades of «Hey nai!»

Was passiert, wenn man einen erwachsenen Mann ins Kino schickt, um sich «50 Shades Freed» anzuschauen, hat unser Onliner Claudio Candinas am eigenen Leib erfahren.

15.02.18 - 04:30 Uhr
Kultur & Musik

Ich bin ein 34-jähriger Masochist. Leiden ist meine grosse Leidenschaft. Sei dies wegen Tätowierungen an empfindlichen Körperstellen, wegen Frauen (diese elenden, wunderwundervollen Geschöpfe) oder Songs von Gil Scott-Heron. Ja, ich verspüre eine profunde Liebe zu diesen Calanda-grossen Klumpen, welche es sich manchmal in meinem Magen gemütlich machen – begleitet von kalten Schauern, die sich in Superzeitlupe vom Nasenrücken über die Stirn bis zum Nacken ausbreiten und mir jene Gefühlspalette schenken, die ein kleines Kind wohl im Moment durchlaufen muss, in dem es des Glaubens ans Christkind beraubt wird. So gerne leide ich.

Was ich jedoch am vergangenen Dienstagabend erlebt habe, ist selbst für jemanden wie mich reinste Folter. Denn ich habe mich kurzfristig entschieden, ins Kino zu gehen, um den letzten Teil der 50-Shades-Trilogie auf Grossleinwand zu schauen. In voller Länge. Und es war schrecklich. Doch beginnen wir von vorn.

Ladies only?

«Nanai, una häts no ganz viel Plätz und ufam Balkon häts au no gnuag», hatte mir die sympathische Stimme am anderen Ende der Telefonleitung knapp eine Stunde vor Beginn der Vorstellung noch versichert. Trotzdem war mir etwas mulmig zu Mute, als ich mich dem Kino unweit des Churer Bahnhofs näherte. «Cool bliiba, Claudio. Du wirsch ziemlich sicher allai im Kino sii. Du hesch dia erschta zwai Teil jo au überstanda. Du waisch in etwa was di erwartet. Du bisch hart im Neh...» – Sätze eines Verzweifelten.

Falls Ihr es noch nicht bemerkt habt, liebe Leserinnen und Leser, ich erachte die 50-Shades-Trilogie als den grössten Bullshit, den die Buch- und Filmindustrie je veröffentlicht hat – also nebst der Verfilmung von «Mamma Mia!». Im Fall dieser Musical-Verfilmung hoffe ich heute noch, dass jene Person, die sich gedacht hat: «Komm, wir lassen Pierce Brosnan doch mal singen», mit dem Drehbuch windelweich geprügelt wurde. Aber heute gehts nicht um Mamma Mia sondern um Aua, aua! Also zurück zum eigentlichen Thema.

Als ich kurz vor 21 Uhr das Kino betrat, traf mich schier der Schlag. Wo ich mir bis vor ein paar Augenblicken noch ein leeres Foyer und freie Sicht auf frisches Popcorn – mein Dinner für diesen Abend – vorstellte, tat sich mir ein Bild des Schreckens auf: Eine gefühlte Hundertschaft weiblicher BFF-Gruppen tummelte sich zwischen Kinokasse, Kiosk und einem kleinen Tisch mit Sex-Toys. Jetzt im Ernst, was haben Sex-Toys gleich neben den Schlecksäckli für 1.50 zu suchen? Wer würde wohl auf die Idee kommen, zu sagen: «Du, i gang no rasch uf z'Aabee. Nimmsch mr a Päckli Pommtschipps, a Rivella-Blau und dia pinkiga Liabeskugla? Und vergiss d’Röhrli nid, bitte. D’Röhrli!»? Und überhaupt, was zum Teufel mache ich hier?

Naja, nun gibts keinen Weg zurück und ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Also Ticket, grosse Portion Popcorn und eine Cola Zero (ja, die Figur des Hauptdarstellers macht doch einen gewissen (Ein-)Druck) kaufen und ab in den Saal.

Kleiner Einschub (checksch, Einschub – haha)

Für alle, die nicht wissen, worum es sich bei der 50-Shades-Trilogie handelt: Die britische Autorin E. L. James veröffentlichte in den Jahren 2011 und 2012 drei erotische Romane. Die Geschichte schildert die Beziehung zwischen der 21-jährigen Studentin Anastasia Steele und dem 27-jährigen Christian Grey – seines Zeichens Milliardär und Soziopath mit einem ausgeprägten Hang zu Sadismus. Die beiden lernen sich kennen, er möchte sie faktisch besitzen, sperrt sie ein, lässt sie kontrollieren, jettet um die Welt, fesselt sie regelmässig an irgendwelche Möbel. Sexszene hier, unglaublich tiefgründiger Dialog da. Sie lässt alles zu, obwohl sie eigentlich nichts von ihm weiss, findet es aber dann doch irgendwann komisch. Die beiden heiraten. Das wärs im Grossen und Ganzen.

In bewegten Bildern sieht das dann in etwa so aus:

Gleichgesinnte

Balkon. Vorderste Reihe. Einer meiner absoluten Lieblingsplätze im Kino. Denn wenn es mal richtig spannend wird, kann man die Beine schön ans Geländer drücken – hilft ungemein beim Aushalten der Spannung! Dieses Mal entpuppte sich mein Platz jedoch als Ort des Unbehagens, da mich das bestimmte Gefühl beschlich, mich während des ganzen Films nicht rühren zu dürfen. Zu viele weibliche Augenpaare befanden sich direkt hinter mir und hätten jede meiner Bewegungen sofort als Diskreditierung des Streifens werten und mich noch auf dem Balkon lynchen können. Und scheinbar weit und breit kein anderer Mann im Saal, der mir helfen könnte.

Doch plötzlich sah ich sie: drei weitere Männer. «Jungs, miar heben zäma. Das stömmer dura», versuchte ich ihnen mit Blicken zu sagen. Ob meine Solidaritätsbekundung bei den Herren ankam, werde ich wohl nie erfahren. Ich hoffe es zumindest schwer. Fast schon meditativ begann ich, das Popcorn in mich reinzuschaufeln, um mich adäquat auf das vorzubereiten, was mich in den kommenden etwa 105 Minuten erwarten würde.

Der Popcorn-Indikator

Achtung, äusserst wichtige Information: Die nächsten Zeilen werden die gesamte Storyline des Films detailgetreu beschreiben. Menschen, die sich «50 Shades Freed» also noch ohne Spoiler ansehen möchten, sollten diesen Abschnitt überspringen.

Die Eröffnungsszene zeigt Anastasias und Christians Trauung. «Maitli, Du hürotisch nid us Liabi und din Halbschuah hätti sich fürd Hochziit schu richtig rasiara könna», denke ich mir, während ich nur halb beherzt in meine Popcorn-Tüte greife. Es folgt ein bildstarker Zusammenschnitt verschiedener Flitterwochen-Destinationen rund um die Welt. Christian zückt irgendwann Handschellen mit einer zirka 1,5 Meter langen Verbindungskette aus der Badehose – hat man ja am Pool gerne mal dabei, könnte ja sein, dass man das Glück hat, einen zur Kaution ausgeschriebenen Schwerverbrecher im Urlaub zu erwischen oder so ähnlich –, fesselt seine Angetraute, es folgen rund 45 Sekunden Sex mit gemeinsamem Höhepunkt.

Kurz darauf gibt’s für die Action noch eine Verfolgungsjagd in Luxuskarossen eines Deutschen Autoherstellers inklusive anschliessendem 20-Sekunden-Sex in besagter Karosse. Christian Grey lässt sich in den Flitterwochen von seinem Unternehmen über dies und jenes auf dem Laufenden halten (Säg mol, was bisch Du für an Ehemaa?!? Das sind Flitterwucha, gopfnomol!).

Ein alter Widersacher taucht auf und bedroht Anastasia. Der Widersacher wird verhaftet, kommt jedoch auf Kaution frei. Anastasia wird schwanger, was Christian alles andere als toll findet – die beiden haben übrigens in den Flitterwochen das erste Mal über Nachwuchs und andere Dinge geredet, wie man das halt so macht mit wichtigen Beziehungs-Themen. Die bringt man besser erst auf den Tisch, wenn der Ring dran ist. Ist sicherer! Es folgen Vorwürfe über Vertrauensbruch, Tränen, Entschuldigungen, ein zwei weitere Sado-Sex- und Dusch-Szene und ein Heiratsantrag in einer Bar – ja, in einer Bar! Man stelle sich sowas mal im Churer «Confetti» vor…

Irgendwann wird Christians Schwester vom Widersacher entführt, der ein Lösegeld in Millionenhöhe fordert. Anastasia geht zur Bank und hebt die geforderte Summe vom gemeinsamen Konto ab, was Christian zulässt, ohne zu erfahren, worum es eigentlich geht (definitiv kein Schweizer, der gute Herr…). Die Lösegeldübergabe eskaliert, Grande Finale inklusive Schussabgabe mit einer Handfeuerwaffe, Abspann mit Kind. Und das alles geschieht noch bevor meine Popcorn-Tüte leer ist. Und Ihr wisst, was das heisst. Zumal Popcorn-Tüten in einem Kino normalerweise nicht mal die Kinowerbung vor dem Film überleben.

Prädikat «Zssss»

Und so sass ich nach dem Film ein wenig ratlos in meinem Sitz. Um mich herum all die vor Rührung seufzenden Frauen, die sich während des gesamten Films bis auf ein, zwei Lacher kaum bemerkbar gemacht hatten. Die Art von Lachern, die man von sich gibt, wenn ein unglaublich gutaussehender Mann einen unglaublich schlechten Spruch macht – aber Frau sich denkt: «Ah kumm, reda tuani mit demm hüt obig eh nüma…».

Und wie ich so da sass, stellte sich mir abermals die Frage, die sich bereits nach den ersten zwei Teilen gestellt hatte: Wie können erwachsene Frauen von heute offensichtlich überschwängliche Freude an einer Story haben, in der eine augenscheinlich (zu) naive Frau von einem reichen Soziopathen schlecht be-, um nicht zu sagen misshandelt wird? Ich habe wirklich immer noch Mühe damit, darin den angeblichen Funken Romantik zu finden.

Etwas Gutes kann ich der ganzen Misere jedoch abgewinnen: Ich muss mir keinen Kopf um einen vierten Teil machen – ausser die Produzenten sollten noch auf die wahnwitzige Idee kommen, Spin-Offs zu veröffentlichen. Was ich aber schwer bezweifle.

Nun denn, ich habs überlebt und möchte den Film gerne mit dem stilvollen Prädikat «Zssss» auszeichnen. Denn wie mir eine umwerfende Frau mal so schön sagte, als sie nackt auf mir sass: «Gell ‹Zsssss kamma säga, wenns unagnehm isch, aber ‹Auaa› goht gar nid». Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

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