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Ein letztes Mal Kaufmann

Ein letztes Mal Kaufmann

Die Band Kaufmann von Reto Kaufmann ist aus dem Nichts durchgestartet. Mitte November ist die EP «Dr Chüalschrank ist leer» erschienen und am Weihnachtstag spielen sie im Zauberwald in der Lenzerheide. Danach ist erst mal Pause. Zumindest mit Konzerten. Reto Kaufmann im Interview mit RSO-Moderator Simon Lechmann.

Simon
Lechmann
22.12.19 - 04:30 Uhr
Kultur & Musik
Reto Kaufmann zu Besuch bei Radio Südostschweiz.
SANDRO GANSNER

Als ich zum ersten Mal den Titel Deiner neuen EP gehört habe «Dr Chüalschrank ist leer», hatte ich das Bild einer Männer-WG im Kopf. Der Kühlschrank ist immer leer. Es hat zwar Bier auf dem Balkon, aber der Kühlschrank ist leer. So simpel ist das aber nicht.

Reto Kaufmann: Genau. Es ist ein Song auf der EP, der «So müed» heisst. Es hat eigentlich mehr damit zu tun, dass der Kühlschrank leer ist. Wenn man bei jemandem ins Schlafzimmer schaut, dann sieht man den Gemütszustand dieser Person. So ist es auch, wenn man jemandem in den Kühlschrank schaut. Im Song «So müed» geht es um Depressionen und darum, dass man keinen Antrieb hat und einfach nicht mag. Auch, wenn man nur etwas kleines machen will, wie einkaufen gehen oder vom Bett zur Kaffeemaschine gehen.

Das Ganze hast du nicht frei erfunden, sondern du singst von dir und dem Zustand, in dem Du warst. Wie geht es dir jetzt?

Das ist ein Zustand, den ich hatte. Er hat schon immer in mir geschlummert. Das gehört zu meinem Leben. In der Zeit, als so viel los war, brach es ziemlich stark aus. Ich hatte einfach gemacht und gemacht und gemacht. Und irgendwann ging es einfach nicht mehr. Dann habe ich auch körperliche Symptome bekommen und es wurde sehr mühsam. Ich musste mir dann auch Hilfe holen. Aber wie gesagt, das ist etwas, was schon immer in mir drin ist und im Moment habe ich es gut im Griff. Man muss einfach lernen, damit zu leben, denke ich.

Der Kühlschrank ist wieder voll.

Ja, genau (lacht).

Musik kann ja wie eine Therapie sein, um zu verarbeiten und sich auszudrücken. Du sagst aber, es könne auch der Auslöser sein, weil Ihr mit der Musik erfolgreich und somit viel unterwegs seid und auch viel Stress habt. Wie ist das bei Dir?

Musik war für mich schon immer etwas Positives. Ich habe es immer geliebt, auf der Bühne zu stehen. Plötzlich kam dann eine Zeit, in der wir sehr viel gespielt haben und wir auch eine grosse Aufmerksamkeit erhalten haben. Das war dann nicht so richtig kompatibel mit meinem Selbstwertgefühl, weil ich nicht das Gefühl hatte, dass das besonders gut ist oder jemand berühren könnte. Ich habe das einfach für mich gemacht. Auf einmal habe ich dann den Druck gespürt und die Erwartungshaltung von den Menschen, die vor der Bühne stehen. Das hat mir irgendwie den Hals zugeschnürt.

Auch auf der Bühne hattest Du dann Schwierigkeiten überhaupt noch zu singen, weil es dir eben Wort wörtlich den Hals zugeschnürt hat. Wie ist das, wenn Du dann auf der Bühne stehst vor Zweitausend Leuten?

Es ist ein riesen Stress und auch eine riesen Panik, wenn das kommt. Irgendwie muss man dann ja auch noch mit der Nervosität klar kommen, die sowieso da ist bei einem Konzert. Diese verfliegt dann nach ein, zwei Songs wieder. Zu dieser Zeit war ich aber irgendwie permanent im Stress und hatte dann wirklich so Würgreize mit Singen. Immer bei den gleichen Textpassagen. Zum Beispiel bei «Lisa».

Weil das eine persönliche Geschichte ist? Lisa hat es ja wirklich gegeben.

Nein, nicht wegen dem. Es ist einfach mal gekommen in einer Probe glaube ich und dann habe ich das einfach immer damit verbunden. Es gab auch noch andere solche Situationen im Alltag. Also nicht nur beim Singen. Auch, wenn ich in gewisse Situationen gekommen bin oder an einen bestimmten Ort gegangen bin. Auf der Bühne war es dann so, dass alles, was ich wollte war eigentlich verschwinden und weggehen.

Hast Du das gemacht? Hat man Zeit, während einem Song kurz hinter die Bühne zu gehen und sich auszukotzen oder ein Glas Wasser zu holen? Oder musstest Du einfach dort stehen und hoffen, dass es besser wird?

Ich habe mir das irgendwie eingeredet, dass ich dort stehen und abliefern muss und, dass ich nicht rausgehen oder einen falschen Ton singen darf. Mittlerweile habe ich gelernt, dass ich Raum habe. Ich bin nicht eingesperrt auf der Bühne. Ich kann machen, was ich will. Ich bin frei. Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich nach Hinten und atme mal durch und es ist alles nicht so gross und nicht so wichtig. Das hat mir geholfen. Das Verständnis, dass man überhaupt nichts muss und einfach nur macht. Egal, ob irgendjemand etwas von einem erwartet.

Am 25. Dezember spielt Ihr im Zauberwald. Das ist ja eine ziemlich ungewöhnliche Locatoin mit ungewöhnlichem Ambiente. Wie ist das für Dich auf der Bühne in diesem Space-Licht-Wald zu stehen?

Ich war noch nie da aber habe schon viel davon gehört, dass es sehr schöne Lichtinstallationen gibt und es vor allem sehr schön ist, wenn es Schnee hat.

Das könnte es eventuell haben. Aber der Föhn macht es dem Schnee aktuell ja gerade etwas schwer. Aber bleiben wir beim Zaubern. Was würdest Du wegzaubern, wenn du zaubern könntest?

Es gibt viele Dinge, die ich gerne wegzaubern möchte. Gegenwind und allgemein Wind würde ich wegzaubern. Auch Idioten würde ich wegzaubern und allgemein Hass.

Und, wenn wir es positiv sehen: Was verzaubert Dich?

Gute Frage. Die Liebe verzaubert mich.

Gut, etwas Spektakuläreres gibt es wahrscheinlich auch nicht.

Das stimmt.

Wann bist Du zum ersten Mal verzaubert worden? Wenn wir bei Liebe bleiben.

(lacht) Das ist schon länger her. Das war an einem Festival in Sargans vor zwölf Jahren. Irgendeine komische Band hat gespielt.

Ihr seid eine junge Band, die auch den Mut hat, auf der Bühne zu improvisieren respektive Songs in die Länge zu ziehen mit verschiedenen Solos. Wie funktioniert das? Probt Ihr das oder ist das Improvisation?

Die Improvisation passiert mehr im Proberaum. Es tönt auf der Bühne aber nie gleich und wir lassen uns Raum auf der Bühne und spielen einfach. Dann ist immer auch etwas Improvisation da, wo niemand so recht weiss, was passiert. Je nach Stimmung auch. Wenn alle gut drauf sind, entsteht eine Energie und alles fliesst zusammen und ich denke das spürt man auch als Zuschauer. Wenn wir es vom Zaubern haben, das ist jeweils auch etwas, das mich verzaubert. Das kann nur die Musik. Wenn wir zusammen eine Jam Session machen, habe ich so das Gefühl, dass jeder das gleiche fühlt und das ist etwas vom Schönsten, das es gibt.

Musik kann eine Droge sein, mit der man viele Emotionen zurückholen kann, die man mal gehabt hat. Wie nutzt Du das? Ist das ein grosser Teil bei Dir?

Auf jeden Fall. Ich bin einfach etwas komisch im Konsumverhalten von Musik. Wenn mich etwas packt, dann bin ich jemand, der das die ganze Zeit hört. Ich höre jetzt schon seit vier Monaten das gleiche Album von der Band Lonely the Brave. Das ist auch sehr emotional und melancholisch und ich finde den Sänger, der jetzt leider nicht mehr in dieser Band ist, hat etwas, das mich total packt. Seine Stimme und wie er die Songs fühlt.

Deine eigenen Songs hörst Du auch?

Ja, wenn sie frisch rauskommen, höre ich sie ziemlich oft. «Blau» beispielsweise von der neuen EP. An dem habe ich total Freude. Oder auch, wenn ich neue Songs schreibe, höre ich diese oft auf dem Handy, weil ich sie beim Schreiben einfach mal kurz aufnehme mit einer Akustikgitarre. Diese höre ich dann auch tausendmal durch.

Dann verleiden sie Dir entweder oder sie sind gut?

Wenn ich ihn mehr als 30 Mal hören kann und ihn immer und immer wieder hören will, dann ist es auf jeden Fall ein gutes Zeichen.

Welchen hast Du sehr viel gehört?

«Pirat» ist beispielsweise so einer. Oder auch «Lisa» und «Norwegische Krone».

Wie bereitest du Dich auf das etwas aussergewöhnliche Konzert im Zauberwald vor?

An die Kälte gewöhnt man sich glaube ich nicht. Wir hatten letzten Samstag einen Testlauf und auch draussen gespielt aber es war sehr kalt. Von da her, wissen wir ungefähr, was auf uns zu kommt. Zumindest von den Temperaturen her. Die Finger sind sicher das Schlimmste. Man muss sich sicher viel bewegen auf der Bühne, um die Wärme zu behalten.

Wie sehen Deine und eure Pläne fürs nächste Jahr aus?

Am 25. Dezember sind wir im Zauberwald und danach gibt es ein Jahr Konzertpause. Wir arbeiten am zweiten Album. Ich schreibe auch jetzt immer wieder Mal Songs aber davon kann man nicht alles brauchen. Ein paar Songs stehen aber schon und diese spielen wir auch jetzt schon oft live.

Am 25. Dezember im Zauberwald in der Lenzerheide ist also die vorerst letzte Chance Kaufmann live zu sehen. Von Aufhören sei aber keines Wegs die Rede.

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