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Der spanische Meister auf der Schwelle vom Klassizismus zur Moderne

Der spanische Meister auf der Schwelle vom Klassizismus zur Moderne

Die Fondation Beyeler in Riehen BS präsentiert den spanischen Maler Goya in einer Retrospektive als Künstler auf der Schwelle zur Moderne. Neben dem ganz der Hofmaler-Tradition verbundenen Werk ist der freie Künstler zu entdecken, der mit den Konventionen brach.

Agentur
sda
07.10.21 - 15:52 Uhr
Kultur & Musik

Man könnte zwei Bilder aus der Ausstellung herausgreifen, welche die grosse Spannweite von Goyas Wirken als Hofmaler und Porträtist des Adels sowie seinem Engagement als zeichnender Chronist der gesellschaftlichen Schattenseiten aufzeigen: Auf der einen Seite ist da das um 1795 entstandene Porträt der Herzogin von Alba und auf der anderen die ikonenhafte Radierung «Der Schlaf / Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer» von 1797-1799.

Das Porträt der adeligen Dame ist durch und durch der klassizistischen Tradition verbunden und mit einer Technik auf die Leinwand gebracht, die Goyas Können als Maler auf eindrückliche Weise aufzeigt. Die Radierung wiederum setzt voll auf den emotionsgeladenen Effekt einer Gefühlswallung, die von Melancholie und Verzweiflung geprägt ist.

Die Retrospektive zum Werk von Francisco de Goya (1746-1828) vereint gut 70 Gemälde und 100 Zeichnungen sowie Druckgrafiken. Die in Zusammenarbeit mit dem Prado in Madrid, quasi Goyas Heimmuseum, entstandene Schau ist dabei explizit nicht hierarchisch angelegt: Die Zeichnungen, Skizzen und Druckgrafiken haben den selben Stellenwert wie die grossen Gemälde.

So zeigt sich die Ambivalenz in Goyas Schaffen eindrücklich. In den ersten der elf Ausstellungssälen zeigt sich der Maler als Diener seiner Herren, vorab des Königs Carlos III, aber auch der Kirche.

Aber je weiter man in der Ausstellung fortschreitet, umso mehr dringt Goyas Hingabe zum Leben der einfachen Bürgerinnen und Bürger durch, die er oftmals in ironischer Weise abbildet. Und es stechen die ungeschönten Blicke auf die Schattenseiten und -orte der Welt ins Auge, die Blicke auf Gefängnisse und Irrenanstalten, auf den Krieg und die Armut.

Bekleidet und doch irgendwie nackt

Und irgendwo dazwischen taucht sie auf: die berühmte «Maja» (1800-1807) - in der Ausstellung leider nur in der bekleideten Version zu sehen. Aber auch die bekleidete Maja wirkt in ihrem leichten Kleid, das sich eng an ihren Körper schmiegt, und ihrer lasziv-herausfordernden Pose auf dem Diwan so nackt, dass die Inquisition die Darstellung damals als absolut skandalös und unschicklich empfand.

Der Begriff «Maja» ist dabei nicht als Name zu verstehen, sondern als Beschreibung einer freilebigen, aber auch stolzen jungen Frau der Unterschicht. So sind in der Ausstellung noch weitere «Majas» zu sehen, die den Anschein von Kurtisanen vermitteln.

Warum aber zeigt die Fondation Beyeler, die der Moderne und im Speziellen der Klassischen Moderne sowie der Gegenwartskunst verpflichtet ist, den klassizistischen Maler Goya? Die Verantwortlichen des Museums, Direktor Sam Keller und Kurator Martin Schwander, gaben sich an der Medienkonferenz vom Donnerstag viel Mühe, stimmige Erklärungen dafür zu geben.

Beyelers erstes eigenes Geschäft

So gibt es den biografischen Strang vom Museumstifter Ernst Beyeler zu Goya: Mit dem Verkauf einer Mappe mit wertvollen Goya-Grafiken an das Kunsthaus Zürich konnte der junge Neo-Antiquar 1945 seinen frisch übernommenen und überschuldeten Laden retten. Es gibt zudem den Bezug zu Basel: 1953 zeigte die Kunsthalle Basel als erstes Ausstellungshaus im deutschsprachigen Raum eine umfassende Goya-Schau.

Und es gibt den Bezug zur Moderne und Avantgarde, die auch schon die damalige Ausstellung in der Kunsthalle aufzuzeigen versucht hatte. Goya hatte für einige grosse Namen der Moderne eine Vorbildfunktion. Dazu gehören Picasso, Miró oder Francis Bacon, Künstler, die in der Sammlung Beyeler sehr prominent vertreten sind.

Und schliesslich dürfte auch die Aussicht auf einen weiteren Grosserfolg in der Ausstellungsgeschichte der Fondation Beyeler eine Rolle gespielt haben. Es sei nichts Ehrenrühriges, war es zumindest nicht in den Augen von Ernst Beyeler, von dem die Aussage überliefert ist, dass man keine Angst vor dem Erfolg habe.

Die Ausstellung «Goya» in der Fondation Beyeler dauert vom 10. Oktober 2021 bis 23. Januar 2022.

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