×

Durich Chiampell über Pandemien

Durich Chiampell über Pandemien

Der Entwurf von Weltbildern boomt. Je dynamischer und damit auch unübersichtlicher das Gewitter neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Corona auf den Laien niederprasselt, desto grösser wird der Wunsch nach übersichtlichen Vereinfachungen, was die wildesten Theorien ins Kraut schiessen lässt. So wild diese Theorien auch sind, ihre Originalität hält sich in Grenzen – ja, man kann sie im Wesentlichen gut und gern als Plagiate bezeichnen. Das sich nicht geringer Beliebtheit erfreuende Denkmodell, der Planet Erde setze sich mit diesem tückischen Virus gegen die Überforderung durch die Menschheit zur Wehr, taucht bereits um 1300 bei Marsilius von Padua auf, der sowohl Epidemien als auch Kriege zu Mitteln erklärt, mit denen die Natur, gesteuert durch die göttliche Vorsehung, die Vermehrung der Menschen und der übrigen Lebewesen in Grenzen halte.

Das Motiv vom Krieg, der im Interesse des Planeten Erde wirkt, hat sogar mindestens 2500 Jahre auf dem Buckel, denn der erste mit dieser Funktion betraute Krieg war derjenige vor Troja. Populär geworden ist zwar die Vorstellung von einer etwas aufwendigen Rückholaktion für eine aus Griechenland entführte Schönheit. Doch altertümlicher – weil auf altorientalische Vorbilder zurückgehend – ist eine andere Erzählung. In perfekten Hexametern ist hier davon die Rede, wie Zeus in seinem Herzen von Mitleid ergriffen wurde, als er die Myriaden von Menschen sah, die auf der Erde herumtrampelten, und darum den trojanischen Krieg entfachte. Bereits im fünften Vers des ältesten Textes der abendländischen Literatur, der Ilias, wird auf diesen «Ratschluss des Zeus» verwiesen.

Noch viel lernen könnte die Kohorte der Querdenker von Durich Chiampell. Seuchen und Katastrophen als Strafen Gottes zu verstehen, ist ja eine gängige Vorstellung. Doch die Methode unseres Landsmanns zur mentalen Bewältigung der Pestepidemie in Chur ist an Originalität wohl kaum zu toppen: Mit Verweis auf Paulus’ ersten Brief an die Korinther (11,32) erklärt er im Leben erlittenes Leid zu Akontozahlungen an die beim Jüngsten Gericht zu erwartenden Bussen, die dannzumal in Abzug gebracht werden können.

Gian Andrea Caduff-Schlatter
17.09.21 - 18:07 Uhr
Leserbrief
Ort:
Zizers
Zum Artikel:
div. Leserbriefe zu "Corona"

Kommentieren

Kommentar senden