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Fremdbestimmt vom Unterland – auch schon mal erwünscht

Fremdbestimmt vom Unterland – auch schon mal erwünscht

Als es noch nicht um Wölfe und Terrassen in Skigebieten ging, war das Unterland bzw. Zürich für Graubünden mitunter der grosse Bruder, an den man sich hilfesuchend wandte, um eigenständig denkende Landsleute auszubremsen. So geschehen bei jenem Ende des 16. Jahrhunderts kontrovers diskutierten grossen Thema vom Wirken der göttlichen Vorsehung in Verbindung mit der Vorherbestimmung zu Errettung bzw. ewiger Verdammnis der Seelen. Wie die Diskussion theologischer Positionen damals alles andere als ein Glasperlenspiel war, ihr Einfluss auf die Politik vielmehr in den konfessionellen Streitigkeiten der Bündner Wirren gipfelte, hat unlängst eine historische Arbeit aufgezeigt. Ein halbes Jahrhundert zuvor diskutierten die evangelischen Synodalen erst einmal das Verständnis von Vorsehung und Vorherbestimmung im Hinblick auf dessen gesellschaftsstabilisierende Funktion und namentlich den daraus abzuleitenden Stellenwert eigenverantwortlichen Handelns im Hinblick auf das eigene Seelenheil.
Wer meint, diese Frage sei von Luther mit dem Hinweis auf das sich menschlicher Logik entziehende Wirken der göttlichen Gnade ein für allemal beantwortet worden, sieht sich durch die theologischen Schriften des Engadiners Durich Chiampells eines Besseren belehrt. In den Augen vieler seiner Pfarrkollegen setzte er sich dabei zwischen sämtliche Stühle und Bänke, weil er mit Luthers Gegner Erasmus für die Willensfreiheit und damit die autonome Glaubensentscheidung einstand und Zwinglis Lehrmeinung zur Gerechtigkeit Gottes ablehnte. Um das Mass vollzumachen, griff er noch auf einen logischen Kunstgriff des spätantiken Philosophen Boethius zurück, mit dem er den Widerspruch zwischen menschlicher Willensfreiheit und göttlicher Allmacht aufhob.
Die Begeisterung von Chiampells Kollegen hielt sich in Grenzen. In Anbetracht zahlreicher Abhandlungen zum gleichen Thema missfiel ihnen nur schon Chiampells Anspruch auf bündnerische Eigenständigkeit, was er empört damit kommentierte, es sei nicht seine Art, vorformulierte Worte irgendwelcher Autoritäten zu übernehmen. Für seine Kritiker kein Ruhmesblatt: Weil man dem Kollegen argumentativ offenbar nicht beikam, rief man Zürich zu Hilfe und forderte ein Gutachten an. Dort reichte der eine Theologe Chiampells Schriften wie eine heisse Kartoffel an einen zweiten weiter, der dann nach geraumer Zeit mit dem Eingeständnis, dass er gar nicht alles gelesen habe, zum einen Traktat sein OK gab, dem andern aber – wie erhofft – seine Zustimmung verweigerte.

Gian Andrea Caduff-Schlatter
26.09.21 - 16:56 Uhr
Leserbrief
Ort:
Zizers
Zum Artikel:
Der Kanton darf das zweite Wolfsrudel nicht regulieren, Ausgabe vom 23. September

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