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Fischer: «Am meisten ärgert mich, dass wir zu passiv wurden»

Fischer: «Am meisten ärgert mich, dass wir zu passiv wurden»

Nationaltrainer Patrick Fischer blickt im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA auf die WM in Riga zurück.

Agentur
sda
vor 3 Monaten in
Eishockey
Patrick Fischer spricht über die Gründe des bitteren Scheiterns im Viertelfinal gegen Deutschland
Patrick Fischer spricht über die Gründe des bitteren Scheiterns im Viertelfinal gegen Deutschland
KEYSTONE/SALVATORE DI NOLFI

Patrick Fischer, wie stark kreisen Ihre Gedanken noch um das bittere Ausscheiden im Viertelfinal gegen Deutschland?

«Am Donnerstag und Freitag war es sehr hart, hatte ich mit Nachwehen zu kämpfen, denn es war ganz klar eine verpasste Chance. Ich fragte mich, was wir, was ich hätte anders machen können oder müssen. Am Samstag ging ich in den Wald, um abzuschalten, danach fühlte ich mich schon etwas besser.»

Gibt es einen konkreten Punkt, den Sie sich vorwerfen?

«Bis zum Viertelfinal war ich sehr, sehr zufrieden mit der Mannschaft, mit dem Einsatz, der Bereitschaft der Spieler. Wir zeigten abgesehen von einem schwierigen Abend gegen Schweden (0:7) sehr gute Leistungen. Wir wussten, dass es gegen die Deutschen eine enge Partie wird, sie versuchen werden, das Tempo aus unserem Spiel zu nehmen. Es gelang uns aber, immer wieder Nadelstiche zu setzen und 2:0 in Führung zu gehen. Nach dem 1:2 (38.) verliessen wir dann unsere Spielweise, die mit einem aggressiven Forechecking beginnt. Wir wurden zu passiv, was mich am meisten ärgert. Wir waren wie gelähmt. Beim TV-Break zehn Minuten vor Schluss versuchte ich, die Spieler aufzuwecken, sie zu animieren, vorwärts zu spielen. Vielleicht wählte ich die falschen Worte, vielleicht hätte ich sie beruhigen sollen, denn ich merkte, dass sie nervös sind. Jedenfalls änderte sich nichts an unserem Spiel. Vielleicht wähnten wir uns auch in falscher Sicherheit, da die Deutschen praktisch keine Topchancen hatten. Fakt ist, dass wir nie in eine solche Situation hätten kommen dürfen.»

Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Ihrer Mannschaft gegen Deutschland die Leichtigkeit der vorangegangenen Partien fehlte, die Spieler nervös wurden?

«Wir spielten hart, teilten harte Checks aus. Die Deutschen schaffen es jedoch gut, das Spiel abzubremsen. Von daher fehlte uns der Schwung. Darauf waren wir aber natürlich eingestellt, unser Plan ging bis zum letzten Drittel auf. Dass wir nervös werden, hätte ich nicht erwartet. Viele Spieler hofften nur noch darauf, irgendwie den Match über die Runden zu bringen. Dabei ist unsere Stärke, mit dem Forechecking die blaue Linie zu halten, aggressiv zu spielen, wenn einer in unsere Zone eindringt. Stattdessen vergassen wir in den letzten zehn Minuten unsere Leitsätze, an unsere Stärken zu glauben, mutig zu spielen. Ich möchte allerdings betonen: Es ist nicht einfach, das immer umzusetzen, ich kenne das als Spieler. Du willst keine Fehler machen, und dann kann es plötzlich gefährlich werden.»

Klar ist es schwierig, Weltmeister zu werden. Jedoch schien in diesem Jahr die Chance so gross wie selten zu sein, da viele NHL-Stars fehlten. Hatte dies Ihrer Meinung nach einen Einfluss im Viertelfinal, in dem Ihr Team Favorit war?

«Es ist schwierig zu sagen, warum es zu dieser Blockade kam. Es ist ein Prozess, zu lernen, in einem K.o.-Spiel bei einer Führung den Druck weiter hoch zu halten und nicht hinten hineinzustehen. Nun erhielten wir noch einmal auf bittere Art und Weise eine Lektion. Jedoch wäre es völlig vermessen zu sagen: Wir müssen Weltmeister werden, sonst sind wir Verlierer. Der Weltmeistertitel ist unser Leuchtturm. Können wir den Titel erwarten? Logisch betrachtet: Nein. Vielmehr ist es ein ambitioniertes Ziel, das uns motiviert. Nun erfuhren wir wieder, dass wir es uns nicht leisten können, so kurz vor der Ziellinie passiv zu werden. Dass wir auf diese Weise scheiterten und so die Chance vergaben, um Titel und Medaillen zu spielen, ist extrem schade. Noch ärgerlicher macht das Ganze, dass wir uns selber schlugen. Als Headcoach muss ich mir ganz klar vorwerfen, es in der Schlussphase gegen Deutschland nicht geschafft zu haben, die Mannschaft zu stabilisieren.»

Lars Weibel, der Direktor der Nationalmannschaften, sagte, dass es nun zwei Möglichkeiten gebe: Das Selbstvertrauen sinkt oder die Niederlage gibt Ansporn. Warum trifft Letzteres ein?

«Wir hörten, wie die Deutschen sangen und feierten. Die Narbe sitzt tief. Ich sagte zu den Spielern: Wir sind ein Wolfsrudel. Wenn dieses rückwärtsläuft und alle die Mäuler schliessen, dann kommt es nicht gut. Genau das machten wir allerdings, und so sind wir eigentlich nicht. Es ist für uns ein Erfahrungsschritt. Wenn wir uns eines Tages Weltmeister nennen wollen, dann müssen wir alles beherrschen, das war diesmal nicht der Fall. Wir wurden nervös. Darum kam es so heraus.»

Nach der letzten bitteren Niederlage gegen Deutschland - 1:2 nach Verlängerung im Achtelfinal der Olympischen Spiele 2018 - gewann das Team WM-Silber. Das zeigt, dass die Mannschaft reagieren kann.

«Wir zeigten auch an dieser WM stets eine Reaktion. Der Charakter stimmt, ich liebe diese Mannschaft. Die Spieler gaben in den letzten Wochen alles für unser Land. Unser System funktioniert, wir machten spielerisch einen Schritt vorwärts. Es fehlte wenig für den Halbfinaleinzug. Es gilt nun, das Ganze vertieft zu analysieren. Zuerst einmal geniesse ich nun aber die Familie.»

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